Denis Scheck kommentiert die aktuelle Spiegel-Bestsellerliste Belletristik
( Platz 10 - Platz 4 )
Platz drei: Carmen Korn: "Zeiten des Aufbruchs"
Band zwei einer Romantrilogie um die Freundinnen Henny, Ida, Käthe und Lina, die aus demselben Hamburger Stadtteil Uhlenhorst stammen und an deren Lebenslinien entlang Carmen Korn die deutsche Nachkriegsgeschichte vom Wirtschaftswunder bis zur Mondlandung erzählt. Solide Unterhaltung. Zu großer Literatur verhält sich dieses Werk aber wie der im Roman erwähnte Muckefuck zu echtem Bohnenkaffee.
Platz zwei: Karin Slaughter: "Die gute Tochter"
Genüßlich beschriebene Gewaltexzesse bestimmen diesen dumpfen Thriller mit einer absurden Handlung um einen 28 Jahre zurückliegenden Mord an der Mutter zweier Schwestern und einem vermeintlichen Amoklauf an einer Schule. Einen guten Eindruck von den stilistischen Fähigkeiten der Autorin vermittelt diese Passage: "Ihre Lunge stand kurz vor dem Kollaps. Punkt. Sie konnte nicht länger den Atem anhalten. Punkt. Sie konnte nicht mehr kämpfen. Punkt. Sie war müde. Punkt. Sie war allein. Punkt. Ihre Mutter war tot. Punkt. Ihre Schwester war fort. Punkt." Ich wünsche Karin Slaughter alles Gute fürs neue Schuljahr in der dritten Klasse.
Platz eins: Maja Lunde: "Die Geschichte der Bienen"
In drei miteinander verschränkten Geschichten erzählt die dänische Autorin Maja Lunde über eine Welt mit und ohne Bienen aus drei Jahrhunderten: eine spielt im 19. Jahrhundert in Großbritannien, eine in unserer Gegenwart in Ohio, eine in der Zukunft in China. Allen dreien gemeinsam ist einerseits eine große Anschaulichkeit, andererseits ein moralisierender Oberton. Bleibt die Frage: hätte diese Autorin auch einen Roman über Bienen geschrieben, wenn sie nicht mit Vornamen Maja hieße?